EINE GEMEINSCHAFT IN DER KRISE

Es ist Schulschluss in Mae La, Thailands grösster Aufnahmeeinrichtung für Vertriebene. Die Stimmung ist gereizt. Während ein Junge innerlich vor Wut kocht, macht sich der Rest der Klasse auf den Nachhauseweg. Er zeigt wütend die Fäuste und will den Mitschüler zur Rede stellen, der ihn zuvor blossgestellt hat.

Doch noch bevor er handeln kann, setzt sich Kyaw neben ihn. Kyaw ist ein Mitschüler und Jugendleiter im örtlichen Jugendklub. Er hat die Aufregung bemerkt und beginnt mit dem Jungen ein Gespräch. Anfangs wehrt sich dieser noch, doch nach kurzer Zeit wird er ruhiger. Kyaw erklärt ihm, wie wichtig es sei, Entscheidungen in Ruhe zu treffen und Probleme friedlich zu lösen.

Kyaw bringt dem Jungen viel Verständnis entgegen, als dieser seine Scham und Frustration zum Ausdruck bringt. Und so hat dieser auch das Kämpfen schon bald vergessen. Kyaw begleitet den Jungen aus der Schule. Als die beiden sein Zuhause erreichen, sind beide gut gelaunt und können wieder lachen. Kyaw kennt diese überwältigenden Emotionen nur zu gut. Er hat dank einem Right To Play Leadership Klub eine wertvolle persönliche Entwicklung durchgemacht und agiert seither als Vermittler und Konfliktlöser für andere Jugendliche, die Hilfe brauchen.

In Mae La leben mehr als 50’000 Karen-Flüchtlinge, die aufgrund staatlicher Verfolgung aus Myanmar geflohen sind. Sie sind nur ein Teil von mehr als einer Million Karen, die als Flüchtlinge in Thailand leben. Die meisten von ihnen können aufgrund der anhaltenden Bedrohungen und Gewalt entlang der Grenze zwischen Myanmar und Thailand nicht in ihre Heimat zurückkehren. Die Bedingungen sind hart – die meisten Flüchtlinge sind mittellos, und nur wenige dürfen das Lager verlassen, um zu arbeiten. Dadurch ist die Gemeinschaft stark belastet und ihr Bestreben, ihre Identität zu bewahren und sie an eine neue Generation weiterzugeben entsprechend limitiert. Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt, Schlägereien, Kriminalität und sonstige Ausfälle gehören zu ihrem Alltag. Das Misstrauen der Menschen gegenüber der Polizei ist zudem gross. Gerade deshalb ist die Rolle von Gemeindemediatoren wie Kyaw so wichtig.

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Kyaw ist ein 19-jähriger Karen-Flüchtling, der in Mae La lebt. Er möchte eines Tages Arzt werden.

DIE PERSÖNLICHE ENTWICKLUNG ALS GROSSE HERAUSFORDERUNG

Für Kyaw ist das alles nichts Neues. Er lebt seit seinem zweiten Lebensjahr in Mae La. Seine Eltern sind damals Myanmar geflohen. Das Aufwachsen in dieser instabilen Umgebung belastete ihn mental und emotional und trübte auch das Vertrauen in etwas Besseres. Als Junge neigte er zu Wutausbrüchen. Er zerstörte Gegenstände und verletzte Menschen, genau wie die Erwachsenen um ihn herum es taten, wenn sie wütend waren. Als er älter wurde, richtete sich die Wut dann gegen sich selbst und veranlasste ihn, sich zu verletzen. Alles in seinem Leben schien auseinanderzufallen oder in eine ausweglose Situation zu geraten.

"ICH HABE GELERNT, MICH SELBST UND ANDERE WERTZUSCHÄTZEN UND MIT MEINEN EMOTIONEN UMZUGEHEN." - KYAW, 19

Die Situation eskalierte als Kyaw 17 Jahre alt war und er mit seinem Bruder in einen Streit geriet. Daraufhin verliess Kyaw das Haus seiner Familie und kam vorerst bei Freunden unter. Dabei trieben ihn beides, Langeweile und Wut; zudem schwänzte er die Schule. Das ging einen ganzen Monat lang so, wobei ihn sogar Gedanken an Selbstmord übermannten. Doch einer seiner Freunde konnte ihn davon abbringen. Stattdessen ermutigte er ihn, wieder nach Hause und in die Schule zu gehen. Als Kyaw in die Schule zurückkehrte, stiess er auf Right To Play – ein Wendepunkt in seinem Leben.

NEU BEGINNEN

In der Schule schlug man Kyaw vor, sich in einem Junior Leadership Klub zu engagieren, der durch das Programm Achieving Change Together (ACT) von Right To Play ins Leben gerufen worden war. Kyaw war sich nicht sicher, was ihn erwarten würde, aber schon beim der ersten Gruppenaktivität, war er positiv überrascht. Das Spiel lehrte wie man Probleme lösen und dabei sinnvolle Entscheidungen treffen kann. Aspekte, die Kyaw auch über sein Leben nachdenken liessen.

"Es half mir zu reflektieren, wie ich in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen habe. Es lehrte mich, die positiven und negativen Seiten von Situationen zu sehen und so bessere Entscheidungen zu treffen... Ich lernte mich selbst und andere bewusst wertzuschätzen und meine Emotionen zu steuern", sagt er.

Zurück im Klub nahm er an weiteren spielbasierten Aktivitäten teil. Dabei lerne er seine Emotionen zu regulieren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und mit anderen Jugendlichen zusammenzuarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Die Energie, die er früher mit Grübeln verbracht hatte, nutzte er nun, um darüber nachzudenken, wie er das Gelernte in seinem eigenen Leben anwenden konnte.

Kyaw begriff, dass er den Provokationen seines Bruders nicht ausgeliefert ist und ihnen standhalten konnte. Auch die Beziehung zu seiner Mutter verbesserte sich. Anstatt wie früher die Kontrolle über seine Emotionen zu verlieren, machte er in aufreibenden Situationen einen Schritt zurück und versuchte sich und andere Involvierte zu beruhigen. Diese Veränderung beeindruckte Kyaws Mutter sehr. Bei einem Camp-Treffen erzählte sie allen: "Seit mein Sohn im Jugendklub ist, hat er sich verändert. Ich bin so glücklich und so stolz auf ihn. Er verbringt jetzt einen Grossteil seiner Zeit damit, der Gemeinde zu helfen."

"SEIT MEIN SOHN IM JUGENDKLUB IST, HAT ER SICH VERÄNDERT. ICH BIN SO GLÜCKLICH UND SO STOLZ AUF IHN." - TIN, DIE MUTTER VON KYAW

Mit seiner Klubtätigkeit entwickelte Kyaw auch einen Sinn für grössere Ziele. Ein Teil des Mandats des ACT-Programms ist es denn auch, junge Führungskräfte auszubilden und Klubs zu gründen, in denen diese sich austauschen und voneinander lernen können. Diese Junior-Leaders übernehmen Verantwortung für Ihre Gemeinden und fördern dort den sozialen Zusammenhalt, indem sie Eltern und Kinder zusammenbringen, jüngere Kinder betreuen, Aktivitäten wie kulturelle Festivals in den Lagern organisieren und allgemein den Menschen ihren Support anbieten.

Das ACT-Programm ist auch bestrebt, jungen Geflüchteten eine sinnvolle Rolle in der Gesellschaft zu geben. Es unterstützt sie in ihrer persönlichen Fähigkeitsentwicklung, lehrt sie gemeinsam ihre Interessen zu vertreten, und ermutigt sie, sich an Entscheidungsprozessen in ihrer Gemeinschaft zu beteiligen. Für einen jungen Mann wie Kyaw, der nach mehr strebte als dem blossen Überleben, war diese Möglichkeit etwas zurückzugeben und sich mit seiner Gemeinschaft zu verbinden sehr entscheidend. Seit dem Beginn von ACT im Jahr 2017 ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die angeben, dass sie durch die Teilnahme am Programm sich selbst und andere besser wertschätzen können, von 9% auf 84% gestiegen.

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Als Teil seiner "Peer Monitoring"-Arbeit führt Kyaw Kinder durch eine Aktivität.

AKTIV ZUR VERÄNDERUNG BEITRAGEN

Kyaw hat jetzt die 12. Klasse abgeschlossen und besucht eine Berufsschule. Er träumt davon, eines Tages Arzt zu werden. Zudem hilft er weiterhin im Klub mit, betreut jüngere Schülerinnen und Schüler und führt sie durch die gleichen Spiele und Aktivitäten, die ihm einst geholfen haben. Er weiss, dass sie auf Unterstützung angewiesen sind, um die täglichen Herausforderungen zu meistern. Das ACT-Programm zeigt auch nachhaltig Wirkung: Junge Führungskräfte wie Kyaw setzen sich auch nach ihrer Zeit im Klub weiterhin für die Gemeinschaft ein.

Kyaw und die älteren Mitglieder des Klubs versuchen zudem, Mae La zu einem besseren Ort zu machen. Einem Ort mit stärkerem Sinn für Gemeinschaft und einem generationenübergreifenden Sinn für soziale Verantwortung. Mit ihrem Wissen um Friedensarbeit versuchen sie, Auseinandersetzungen zu verhindern oder zu beenden, Gemeindemitgliedern in Not zu helfen und zerstrittene Familien zu versöhnen. Es ist eine grosse Herausforderung für junge Menschen, doch Kyaw schöpft aus dieser Aufgabe Kraft.

"Ich bin motiviert, etwas im Leben anderer Menschen zu bewirken und Zeit mit der Gemeinschaft zu verbringen. Ich kann meinen Freunden, meiner Gemeinde und mir selbst helfen. Ich kenne jetzt meinen eigenen Wert und möchte Veränderungen ermöglichen", sagt er.