Sonja Ringdal, Delegierte des Verwaltungsrats von Right To Play Switzerland, hat den Musikevent des «Music for Development» Projekts live erlebt. Wir wollten es uns nicht entgehen lassen, sie zu diesem speziellen Erlebnis im Libanon zu interviewen, bei dem sich 300 Kinder auf die Bühne trauten und sich Mitten in der belebten Hauptstadt Beirut Gehör verschafften.

« Ein hoffnungsvolles und wehmütiges Erlebnis zugleich, das nicht nur mir, sondern auch den Zuschauern um mich herum die Tränen in die Augen getrieben hat. »

Wie war es für dich, die Kinder und Jugendlichen aus dem Right To Play Projekt zusammen mit dem weltbekannten Cellisten Yo-Yo Ma im Libanon in Aktion zu sehen?

Sonja Ringdal:
Das war zweifelsfrei ein ganz besonderes Erlebnis. Die Tatsache, dass sie mit einem musikalischen Genie wie Yo-Yo Ma auf der Bühne standen, haben die Kinder wahrscheinlich nicht ganz erfasst und war meines Erachtens nicht das Entscheidende an der Schlussveranstaltung dieser Projektphase. Man muss sich vorstellen, die Kinder in diesem Projekt stammen aus den ärmsten Gemeinschaften im Libanon. Es sind mehrheitlich palästinensische und syrische Flüchtlinge, die auf engstem Raum und in absolut menschenunwürdigen Verhältnissen aufwachsen. Viele von ihnen sind aufgrund ihrer Geschichte und der Tatsache, dass sie ihre gewohnte Umgebung verlassen und Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn im Krieg verloren haben, massiv traumatisiert. Sie müssen sich psychisch wie physisch komplett verloren fühlen. Dass sie eine Stimme kriegen, dass ihnen jemand zuhören, geschweige denn, sich mit ihnen zusammen für eine Aufführung auf die Bühne stellen könnte, war für sie schlichtweg nicht vorstellbar.

Aber zurück zur Frage: Für mich war es ein bewegendes, emotionales, positives, hoffnungsvolles und zugleich wehmütiges Erlebnis, das nicht nur mir, sondern auch den Zuschauern um mich herum die Tränen in die Augen getrieben hat.

«Music for Development» ist das erste Right To Play Projekt seiner Art. Was kann man sich darunter vorstellen?

Sonja Ringdal:
Die Kinder haben während einer einjährigen Projektdauer im Musikalischen zusammengefunden. Sie haben als Team auf diesen Event hingearbeitet, haben die Botschaften, die Melodien, die Kleider, die Bewegungen, die Choreographie und was sonst noch alles dazugehört, unter Anleitung der durch Right To Play ausgebildeten jugendlichen Coaches, selbstständig kreiert und ausgeführt. Am Tag des Abschluss-Events waren die Kinder entsprechend extrem aufgeregt und ja, einfach erfüllt mit riesiger Freude und Stolz, funkelnde Augen waren überall. Es war enorm beeindruckend zu sehen, wie selbstsicher diese Kinder, insbesondere die Mädchen, sich bei diesem Auftritt gegeben haben.

Alle musikalischen Darbietungen beinhalteten wichtige Botschaften: Zum einen Songs über die Schule und den Aufruf an die Lehrer, dass sie sie bitte nicht mehr schlagen sollen. Auch gaben die Kinder in mitreissenden und rap-artigen Darbietungen zum Ausdruck, dass Kinderarbeit ein No-Go sei und sie nicht nur zu einem Bruchteil ihres Wertes behandelt werden wollen, weil sie der Welt ebenfalls etwas zu bieten hätten. Es gab Darbietungen mit der Botschaft der Hoffnung, des Zusammenhalts und den Aufruf an die Erwachsenen, dass es möglich sein müsse, in Frieden zusammenzuleben.

Es liegt auf der Hand, dass die Kinder in diesem Prozess unheimlich viel Wichtiges für ihr Leben und für ein friedliches Miteinander gelernt haben. Teamwork? Leadership? Kreativität? Durchhaltevermögen? Kommunikation? Mut? Selbstsicherheit? Empathie? Was noch?

« ... dass sie nicht nur zu einem Bruchteil ihres Wertes behandelt werden wollen, weil sie der Welt ebenfalls etwas zu bieten hätten. »

Welche Bedeutung spielt die Musik in den Programmen von Right To Play generell?

Sonja Ringdal:
Eine zunehmend bedeutende Rolle. Je nach Länder und Kulturen arbeiten die von Right to Play ausgebildeten Coaches ohnehin mit viel Musik, Gesang und Tanz, unabhängig davon, ob das Ziel des Projekts bessere Bildungsqualität, gesündere Lebensweisen, Geschlechtergerechtigkeit, Friedensförderung oder Schutz der Kinder ist. Gezielt und vermehrt musische Aktivitäten in unseren Programmen zu verwenden, insbesondere im Bereich des psychosozialen Supports, der Bewältigung von Traumata und der Förderung von Widerstandsfähigkeit, hat sich erfahrungsgemäss als sehr wirkungsvoll gezeigt.

Das Konzert hat auf einer belebten Strasse mitten in der Hauptstadt Beirut stattgefunden. Wie ist das bei den Leuten angekommen?

Sonja Ringdal:
Das Publikum war sichtlich ge- und berührt. Schade fand ich lediglich, dass es nicht so viele Zuschauer gab, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dies lag einerseits daran, dass unsere Kollegen im Office vor Ort wenig bis keine Marketing- und Vermarktungskapazitäten haben und sich eigentlich ausschliesslich auf die Programmarbeit konzentrieren. Andererseits aber auch daran, dass sich eine Miliz im Land tags zuvor mit der Abwehr von 2 feindlichen Drohnen aus dem umliegenden Ausland beschäftigen mussten und sich deren Führer just zum Zeitpunkt des Konzerts über den Fernseher an die Menschen gewandt hatte. Das ist bedauerlich, aber es veranschaulicht gleichzeitig die schonungslose Realität dieser Menschen und Kinder.

Wie geht es mit dem Projekt „Music for Development“ weiter?

Sonja Ringdal:
Derzeit ist die Fortführung des Projekts noch nicht zu 100% gewährleistet d.h. die dafür notwendige Finanzierung noch nicht gesichert. Sollte also jemand mehr über dieses tolle und so wichtige Projekt für diese Kinder erfahren und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen wollen (oder jemanden kennen, der sich dafür interessieren könnte), so sind Sie bei mir und den Kollegen im Schweizer Büro goldrichtig. „Giving a voice to the voiceless,“ ... das sollten wir zusammen hinkriegen, oder nicht?

Was hast du von diesem besonderen Erlebnis mit nach Hause genommen?

Sonja Ringdal: Was ich mitnehme, sind für mich klar die Emotionen. Es sind Gefühle der Melancholie und der Zuversicht zugleich, aber auch der Hoffnung und der erneuten Bestärkung darin, dass wir – wenn wir es wollen – gemeinsam und mit Beharrlichkeit die Welt für diese Kinder und ihre Gemeinschaften zu einem besseren Ort machen können.